Madeleine Thien

Sag nicht, wir hätten gar nichts

Ich habe in diesem Jahr mein zweites Buch gelesen und bin tatsächlich etwas stolz darauf, denn: das aktuelle hatte mehr als 600 Seiten und da tue ich mich immer etwas schwer. Denn meistens zieht es sich am Ende so sehr, dass ich froh bin, wenn es ein Ende hat. Sag nicht, wir hätten gar nichts, war da sicher eine andere Kategorie. Es handelt sich um einen mehrfach preisgekrönten Generationen übergreifenden Roman der kanadischen Schriftstellerin Madeleine Thien, deren Familie aus China stammt.

Darum gehts

China in den 1940er Jahren ist geprägt von Gewalt, Revolution und Unterdrückung. Zwei Familien, die eng miteinander verbunden sind und ihre Mitmenschen spielen die Hauptrolle in dem Roman. Hauptsächlich wird neben den Schicksalen der Familien selbst deren Kreativität beleuchtet. Die Musik ist spielt die tragende Rolle. Wie kann es in der damaligen Zeit gelingen, kreativ zu sein und sich selbst nicht zu verlieren? Marie lebt mit ihrer Mutter, die aus China stammt in Kanada. Sie will der Frage auf den Grund gehen, warum ihr Vater damals zurück nach China ging. Marie ist zehn Jahre alt, als sie die junge Ai-Ming bei sich aufnehmen. Schon bald wird Marie klar, dass sie mit Ai-Ming viel mehr verbindet.

Spoilerfreie Rezension

Der Klappentext ist schon sehr informativ und, wie ich finde, sehr beeindruckend. Obwohl mir die Geschichte Chinas nicht unbekannt war, haben mich die geschilderten Geschehnisse Thiens, oft schockiert zurück gelassen. Der Autorin gelingt es, dem Leser das China der 1940er Jahre bis heute begreiflich zu machen und es mit all seinen Facetten, Grausamkeiten und seinem Sinn für Familie und Musik zu schildern. Thien selbst wurde 1974 in Kanada geboren und studierte dort kreatives Schreiben. Es folgten erste Auszeichnungen für ihre Literatur und so beschloss sie, sich dieser hauptberuflich zu widmen.

Sag nicht, wir hätten gar nichts gewann den Governer General’s Literary Award und den Scotiabank Giller Prize, hoch angesehene Literaturpreise in Kanada. Erzählt wird die Geschichte von Marie, welche ebenfalls mit ihrer Mutter in Kanada lebt. Eine quälende Frage kreist ununterbrochen in Marie´s Kopf: Warum ist ihr Vater nach China zurück gekehrt? Auf der Suche nach Antworten, lernt Marie Ai-Ming kennen. Ein neunzehnjähriges Mädchen, das aus Peking geflohen ist, und welches Marie´s Mutter bei ihnen aufnimmt. Ai-Ming´s und Marie´s Vater haben sich gekannt. Das weckt das Interesse von Marie mehr und mehr. Sie begibt sich auf die Suche nach Antworten.

Ich bin sehr gut in die Geschichte hinein gekommen. Die Sprache ist ansprechend, klug und mitreissend. Jedes Kapitel ist mit einem chinesischen Schriftzeichen versehen. Immer wieder lässt Thien ihre Leser an anfänglichen Sprachbarrieren teilnehmen. Viele Schriftzeichen werden im Verlauf der Geschichte gezeichnet und erklärt. Die Erzählweise bleibt durchweg beklemmend, emotional und ergreifend.

Eine bedeutende Rolle spielt neben der Suche nach der eigenen Identität und Marie´s Familie, die Musik. Thien beschreibt die musikalische Familie und deren ebenso musikbegeisterte Weggefährten als sehr leidenschaftlich. Die schrecklichen Machenschaften der Politik führen dazu, dass viele von Marie´s Familienmitgliedern und deren Freunde Opfer der Kulturrevolution werden. Millionen von Menschen, unter ihnen Künstler, Musiker und Journalisten wurden in Umerziehungslager gesperrt oder ermordet. Viele Menschen waren gezwungen, ihre eigenen Familien zu denunzieren.

Ich hatte häufig Schwierigkeiten, die Namen der Protagonisten nicht durcheinander zu bringen. So dass ich hier und da etwas verwirrt zurück blieb und einige Passagen noch einmal lesen musste. Das kann aber auch eine persönliche Schwäche von mir sein. Namen wie Wen der Träumer, Fliegender Bär, Große Mutter Messer, Sperling und Glausauge waren zum Teil eine Herausforderung für mich, die Verbindungen einzelner Charaktere untereinander zu verstehen oder viel mehr nachhaltig zu erinnern.

Zitate aus dem Buch

„Wenn du in einem Zimmer gefangen bist und niemand kommt, um dich zu retten, was kannst du dann tun? Du musst gegen die Mauern hämmern und die Fenster einschlagen. Du musst hinausklettern und dich selbst retten. Es liegt auf der Hand, Li-Ling, das Weinen im Leben nicht weiter hilft.“

„Man kann in sich selbst ertrinken. So fühle ich mich.“

„In diesem Land hatte Wut keinen Platz außer tief in einem selbst, gegen sich selbst gerichtet. Das hatte ihr Sohn getan, er hatte seinen Zorn benutzt, um sich selbst zu zerfleischen.“

Fazit

Die düstere Vergangenheit China´s wird von Madeleine Thien auf beeindruckende Weise erzählt. Die Gräueltaten der Regierung und die Angst der Menschen werden so real wiedergegeben, dass es mir teilweise schwer fiel, weiterzulesen. All das, was Thien beschreibt, war brutale Realität und berührt sicher all ihre Leser zutiefst.

Rund ums Buch

Sag nicht, wir hätten gar nichts • Madeleine Thien • Originaltitel: Do Not Say We Have Nothing • Übersetzerin: Anette Grube • Luchterhand • 2017 • 656 Seiten • Hardcover mit Schutzumschlag • ISBN: 978-3-630-87520-0 • Preis: €24.00€ • Buch kaufen


Mein Dank für das Rezensionsexemplar geht an den Luchterhand-Verlag.
Historisch, beeindruckend und sehr lesenswert.

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4 Kommentare

  • Reply
    Carolin
    28. Januar 2018 at 14:55

    Ich habe jetzt schon ziemlich oft von diesem Buch gehört und es klingt definitiv interessant, aber ich bin mir trotzdem nicht ganz sicher, ob das Thema etwas für mich ist. Tolle Rezension!

    • Reply
      Neri
      29. Januar 2018 at 07:15

      Danke sehr! Es ist lesenswert, aber natürlich sollte der Leser sich auch etwas für Historie begeistern können.

  • Reply
    Christine
    29. Januar 2018 at 10:52

    Ah, das mit den Namen geht mir aber bei solchen Romanen auch öfter mal so. Irgendwie prägen die sich halt doch nicht so gut ein. 😉

    • Reply
      Neri
      30. Januar 2018 at 17:08

      Hu, dann bin ich nicht die einzige =)

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