28. Januar 2018

Sag nicht, wir hätten gar nichts

Ich habe in diesem Jahr mein zweites Buch gelesen und bin tatsächlich etwas stolz darauf, denn: das aktuelle hatte mehr als 600 Seiten und da tue ich mich immer etwas schwer. Denn meistens zieht es sich am Ende so sehr, dass ich froh bin, wenn es ein Ende hat. Sag nicht, wir hätten gar nichts, war da sicher eine andere Kategorie. Es handelt sich um einen mehrfach preisgekrönten Generationen übergreifenden Roman der kanadischen Schriftstellerin Madeleine Thien, deren Familie aus China stammt.

Darum gehts

China in den 1940er Jahren ist geprägt von Gewalt, Revolution und Unterdrückung. Zwei Familien, die eng miteinander verbunden sind und ihre Mitmenschen spielen die Hauptrolle in dem Roman. Hauptsächlich wird neben den Schicksalen der Familien selbst deren Kreativität beleuchtet. Die Musik ist spielt die tragende Rolle. Wie kann es in der damaligen Zeit gelingen, kreativ zu sein und sich selbst nicht zu verlieren? Marie lebt mit ihrer Mutter, die aus China stammt in Kanada. Sie will der Frage auf den Grund gehen, warum ihr Vater damals zurück nach China ging. Marie ist zehn Jahre alt, als sie die junge Ai-Ming bei sich aufnehmen. Schon bald wird Marie klar, dass sie mit Ai-Ming viel mehr verbindet.

Spoilerfreie Rezension

Der Klappentext ist schon sehr informativ und, wie ich finde, sehr beeindruckend. Obwohl mir die Geschichte Chinas nicht unbekannt war, haben mich die geschilderten Geschehnisse Thiens, oft schockiert zurück gelassen. Der Autorin gelingt es, dem Leser das China der 1940er Jahre bis heute begreiflich zu machen und es mit all seinen Facetten, Grausamkeiten und seinem Sinn für Familie und Musik zu schildern. Thien selbst wurde 1974 in Kanada geboren und studierte dort kreatives Schreiben. Es folgten erste Auszeichnungen für ihre Literatur und so beschloss sie, sich dieser hauptberuflich zu widmen.

Sag nicht, wir hätten gar nichts gewann den Governer General’s Literary Award und den Scotiabank Giller Prize, hoch angesehene Literaturpreise in Kanada. Erzählt wird die Geschichte von Marie, welche ebenfalls mit ihrer Mutter in Kanada lebt. Eine quälende Frage kreist ununterbrochen in Marie´s Kopf: Warum ist ihr Vater nach China zurück gekehrt? Auf der Suche nach Antworten, lernt Marie Ai-Ming kennen. Ein neunzehnjähriges Mädchen, das aus Peking geflohen ist, und welches Marie´s Mutter bei ihnen aufnimmt. Ai-Ming´s und Marie´s Vater haben sich gekannt. Das weckt das Interesse von Marie mehr und mehr. Sie begibt sich auf die Suche nach Antworten.

Ich bin sehr gut in die Geschichte hinein gekommen. Die Sprache ist ansprechend, klug und mitreissend. Jedes Kapitel ist mit einem chinesischen Schriftzeichen versehen. Immer wieder lässt Thien ihre Leser an anfänglichen Sprachbarrieren teilnehmen. Viele Schriftzeichen werden im Verlauf der Geschichte gezeichnet und erklärt. Die Erzählweise bleibt durchweg beklemmend, emotional und ergreifend.

Eine bedeutende Rolle spielt neben der Suche nach der eigenen Identität und Marie´s Familie, die Musik. Thien beschreibt die musikalische Familie und deren ebenso musikbegeisterte Weggefährten als sehr leidenschaftlich. Die schrecklichen Machenschaften der Politik führen dazu, dass viele von Marie´s Familienmitgliedern und deren Freunde Opfer der Kulturrevolution werden. Millionen von Menschen, unter ihnen Künstler, Musiker und Journalisten wurden in Umerziehungslager gesperrt oder ermordet. Viele Menschen waren gezwungen, ihre eigenen Familien zu denunzieren.

Ich hatte häufig Schwierigkeiten, die Namen der Protagonisten nicht durcheinander zu bringen. So dass ich hier und da etwas verwirrt zurück blieb und einige Passagen noch einmal lesen musste. Das kann aber auch eine persönliche Schwäche von mir sein. Namen wie Wen der Träumer, Fliegender Bär, Große Mutter Messer, Sperling und Glausauge waren zum Teil eine Herausforderung für mich, die Verbindungen einzelner Charaktere untereinander zu verstehen oder viel mehr nachhaltig zu erinnern.

Fazit

Die düstere Vergangenheit China´s wird von Madeleine Thien auf beeindruckende Weise erzählt. Die Gräueltaten der Regierung und die Angst der Menschen werden so real wiedergegeben, dass es mir teilweise schwer fiel, weiterzulesen. All das, was Thien beschreibt, war brutale Realität und berührt sicher all ihre Leser zutiefst.

Zitate aus dem Buch

„Wenn du in einem Zimmer gefangen bist und niemand kommt, um dich zu retten, was kannst du dann tun? Du musst gegen die Mauern hämmern und die Fenster einschlagen. Du musst hinausklettern und dich selbst retten. Es liegt auf der Hand, Li-Ling, das Weinen im Leben nicht weiter hilft.“

„Man kann in sich selbst ertrinken. So fühle ich mich.“

„In diesem Land hatte Wut keinen Platz außer tief in einem selbst, gegen sich selbst gerichtet. Das hatte ihr Sohn getan, er hatte seinen Zorn benutzt, um sich selbst zu zerfleischen.“

Rund ums Buch

Sag nicht, wir hätten gar nichts • Madeleine Thien • Originaltitel: Do Not Say We Have Nothing • Übersetzerin: Anette Grube • Luchterhand • 2017 • 656 Seiten • Hardcover mit Schutzumschlag • ISBN: 978-3-630-87520-0 • Preis: €24.00€ • Buch kaufen


Mein Dank für das Rezensionsexemplar geht an den Luchterhand-Verlag.
Historisch, beeindruckend und sehr lesenswert.

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23. Januar 2018

Der schwarze Thron – Die Schwestern

Ein Buch über Königinnen, die sich um einen Thron streiten, haben wir wohl alle schon in irgendeiner Form gelesen. Dieses Buch jedoch ist dabei noch etwas anders als die anderen ihrer Art. Es ist düster, blutig und kommt ganz ohne herzzerreissende Liebesgeschichte aus. Der schwarze Thron von Kendare Blake.

Darum gehts

Drei Schwestern, die völlig verschieden sind. Sie haben unterschiedliche Fähigkeiten, welche von den anderen mehr oder weniger gut beherrscht werden. Diese Fähigkeiten erinnern vielleicht ein wenig an die Kräfte der Mutanten von X-Men, doch ist es hier noch eine Spur cooler. Außerdem sind nicht nur die Fähigkeiten bei jeder der drei unterschiedlich, nein, auch das Reich in dem sie leben, bzw. mehr oder weniger regieren ist anders. Jede Einzelne lebt bei einer Familie, die ihre Fähigkeit teilen und sie so auf den großen Tag vorbereiten.

Spoilerfreie Rezension

Besonders die Königinnen sind im schwarzen Thron anders, als wir es gewohnt sind. Sie werden nicht bedient oder verhätschelt. Sie werden ihr Leben lang auf den Tag vorbereitet, an dem sie sechzehn Jahre alt werden. An diesem Tag werden nämlich zwei von ihnen sterben. Schon am Anfang des Buches war ich sprachlos, da ich zwar etwas Düsteres erwartet habe, doch trotzdem nicht das, was dann auf mich zukam.

Als Leser begleitet man immer abwechselnd die Geschichte der drei Schwestern. Diese waren nicht immer einfach zu verfolgen, da viele Namen im Gedächtnis behalten werden müssen und die Einordnung dieser mich häufiger mal verwirrt zurück ließ. Sobald ich aber wieder alles gespeichert hatte und wusste, um wen es ging, war ich sofort wieder gefesselt und konnte nicht mehr aufhören zu lesen.

Der Schreibstil von Kendare Blake ist wirklich klasse. Ich konnte mir die gesamte Welt sehr lebhaft vorstellen und fand die Idee toll, dass diese Insel zwar in unserer Welt existiert, doch für die Festlandbewohner mehr einem Mythos ähnelt, an welches sie eigentlich gar nicht glauben. Die Autorin hat es außerdem geschafft, dass ich für jede der drei Königinnen Symphathie aufbauen konnte und ihre Handlungen allesamt verstand.

Zitate aus dem Buch

„Ihr Leben lang haben diese Menschen sie für eine Versagerin gehalten, doch kaum zeigt sich ein kleiner Hoffnungsschimmer, werden sie zu ihren Anhängern, als hätten sie niemals etwas Anderes gewollt.“

„Die verwitterten grauen Planken knarzen in der steifen Brise, und die kleinen, vom Mond beschienenen Wellen der See sind ebenso aufgewühlt wie Jules` Atem.“

Fazit

Da ich weiß, dass es hierzu noch einen zweiten Teil gibt, wusste ich, dass dieses Buch sicherlich einen gemeinen Cliffhanger aufweisen wird, was er dann auch tat. Nur was dieser ganz anders als erwartet. Ich gebe zu, dass mich das Ende zwar nicht völlig überrascht hat,  ich aber dennoch zufrieden bin. Ich freue mich schon sehr auf den zweiten und gleichzeitig letzten Teil dieser Dilogie.

Rund ums Buch

Der schwarze Thron – Die Schwestern • Kendare Blake • Originaltitel: Three Dark Crowns • Übersetzerin: Charlotte Lungstrass-Kapfer • Penhaligon • 2017 • 448 Seiten • Paperback • ISBN: 978-376 4531 444 • Preis: €14.99€ • Buch kaufen


Ich bedanke mich beim Bloggerportal von Randomhouse für das Rezensionsexemplar.
Habt ihr die zweiteilige Reihe von Kendare Blake bereits gelesen?

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21. Januar 2018

Wer die Nachtigall stört

Es ist ein absoluter Klassiker und doch las ich es erst jetzt. Die Rede ist von Wer die Nachtigall stört von Harper Lee. Ich habe das Buch im Rahmen der Rory Gilmore Reading Challenge gelesen. Jenni hatte es für mich ausgewählt. Ich freue mich natürlich auch, dass das erste Buch zur Challenge abgehakt werden konnte. Welchen Titel ich für Jenni auswählte, erfahrt ihr demnächst natürlich in ihrer Rezension. Nun aber zu Wer die Nachtigall stört: ich habe erwartet, dass es mich prägen würde. Und das tat es.

Darum gehts

Amerika in den 1930er Jahren. Scout ist acht Jahre alt und lebt mit ihrem älteren Bruder Jem und dem gemeinsamen Vater Atticus in den Südstaaten. Die Zeit ist geprägt von Rassismus. Atticus ist ein erfolgreicher Anwalt und gilt als stets menschenfreundlich. Die brutale Wirklichkeit erfasst Scout und Jem, als ihr Vater den schwarzen Landarbeiter Tim Robinson vor Gericht verteidigt. Dieser soll angeblich ein weißes Mädchen vergewaltigt haben. Scout und Jem versuchen fortan für Gerechtigkeit zu kämpfen und ihren Vater beim Verteidigen von Robinson zu unterstützen.

Spoilerfreie Rezension

Ich bin gut in die Geschichte hinein gekommen. Die Schreibweise der Autorin lässt sich fließend lesen und ich mochte die fesselnde Art der Protagonistin Scout sofort. Sie ist frech, mutig und wild. Sie hinterfragt alles. Wie im Klappentext zu lesen, spielt der Roman in den 30ern in Alabama, in den Vereinigten Staaten. Die Geschwister Scout und Jem leben gemeinsam mit ihrem Vater, einem anerkannten Rechtsanwalt in ihrem Geburtshaus. Calpurnia, eine schwarze Haushälterin, gehört zur Familie. Die damalige Zeit war vor allem durch den Hass der Weißen auf die schwarze Bevölkerung geprägt.

Ich hatte zunächst große Schwierigkeiten, immer wieder mit dem Wort „Neger“ konfrontiert zu werden und es löste eine Wut in mir aus. Wut, weil es keineswegs eine ausgedachte Geschichte ist. Natürlich weiß ich um die geschichtlichen Ereignisse, welche historisch gesehen, nicht weit zurückliegen. Und gerade auch deshalb,  ist es nicht nachvollziehbar, das Menschen einander hassen, aufgrund von Hautfarbe, Ethnie und Religion.

Genau diese Thematik ist die Message des Buches. Nein viel mehr ist die Aussage von Wer die Nachtigall stört, dass es da diese weiße Bevölkerung gab, die es der schwarzen Minderheit sehr schwer machte, sie mit Hass, Abwertung und Vorurteilen und strafte. Aber auch, dass es damals schon Menschen gab, wie Familie Finch, welche diesen unnützen Hass nicht vertraten, ihn immer wieder hinterfragten.

Das Buch ist in zwei Teile aufgegliedert. Zu Beginn geht es vor allem um den seit fünfundzwanzig Jahren in seinem Haus eingeschlossenen Boo Radley, den Nachbarn der Finchs. Scout und Jem wollen gemeinsam mit ihrem Freund Dill herausfinden, was es mit Radley´s Rückzug auf sich hat, weswegen ihn seit so vielen Jahren niemand zu Gesicht bekam. Und so fangen sie an, ihm Streiche zu spielen.

Diese Handlung ist zunächst eher nebensächlich, spielt aber im weiteren Verlauf eine nicht ganz unerhebliche Rolle. Im Mittelpunkt steht aber weiterhin der „schwarze Hass“. Die Charaktere im Buch werden von der Autorin sehr detailliert ausgeschmückt und als Leser erfährt man, wie ungeheuerlich diese Vorurteile gegenüber der schwarzen Bevölkerung sind und dass sie auf nichts als Unwissenheit beruhen. Bald ist es der Prozess gegen den schwarzen Landarbeiter Robinson, der die hauptsächliche Handlung ausmacht. Aber kann ein Schwarzer in den USA der Dreißiger überhaupt vor Gericht gegen einen Weißen gewinnen?

Wer die Nachtigall stört, hat mich geprägt, aufgewühlt und mir immer wieder ins Gedächtnis rufen lassen, wie wichtig diese Ereignisse sind. Auch wenn sie vor vielen Jahren geschahen, liegen sie historisch gesehen, nicht weit zurück. Wir leben hoffentlich in einer gerechteren Welt, aber der Fremdenhass ist nicht ausgestorben. Er existiert noch immer. Und es ist die Aufgabe von uns allen, der jetzt Lebenden, ihn mit aller Macht weiter zu bekämpfen, nicht zuzulassen, dass Menschen aufgrund von Andersartigkeit diskriminiert werden. Wir alle sind anders. Niemand ist dem anderen in allem gleich.

Zitate aus dem Buch

„Es gibt nämlich Menschen, die … die sich so sehr um das Jenseits sorgen, dass sie nie gelernt haben, im Diesseits zu leben.“

„Das Einzige, was sich keinem Mehrheitsbeschluss beugen darf, ist das menschliche Gewissen.“

„Über die Hölle, die die Leute anderen Leuten bereiten, ohne auch nur nachzudenken. Über die Höllen die die Weißen den Farbigen bereiten, ohne auch nur auf den Gedanken zu kommen, dass die auch Menschen sind.“

„Je älter du wirst, desto mehr solcher Fälle wirst du erleben. Gerade vor Gericht sollte allen Menschen, von welcher Farbe des Regenbogens sie auch sein mögen, das gleiche Recht zuteilwerden. Nur neigen die Leute leider dazu, ihre Vorurteile mit auf die Geschworenenbank zu nehmen. Du wirst später tagtäglich Weiße sehen, die Schwarze betrügen. Aber eines möchte ich dir sagen, und bitte, vergiss es nicht: Wenn ein Weißer – ganz gleich wie angesehen, wie vornehm, wie reich er ist – einem Schwarzen so etwas antut, dann gehört dieser Weiße zum Pack.“

„Mut heißt, von vornherein wissen, dass man geschlagen ist, und trotzdem den Kampf – ganz gleich, um was es geht – aufnehmen und ihn durchstehen. Man gewinnt selten, aber zuweilen gelingt es.“

Fazit

Ich habe mich sehr gefreut, diesen Klassiker lesen zu dürfen und danke dir, liebe Jenni, noch einmal für die Inspiration. Wer weiß, wann und ob ich sonst noch irgendwann mal zu diesem Buch gegriffen hätte. Den einzigen Abzug gibt es wegen der manchmal sehr langatmigen Beschreibungen, rund um Maycomb County, welche ich nicht immer für handlungsentscheidend hielt. Ansonsten ist die Aussage des Buches immens wichtig und von großer Bedeutung, die Charaktere sind authentisch und Harper Lee schreibt aufrüttelnd und mutig.

Rund ums Buch

Wer die Nachtigall stört • Harper Lee • Originaltitel: To Kill A Mockingbird • Übersetzerin: Claire Malignon • Rowohlt • 2016 • 448 Seiten • Paperback • ISBN: 978-3-499-21754-8 • Preis: €9.99€ • Buch kaufen


Habt ihr „Wer die Nachtigall stört“ gelesen? Vielleicht sogar als Schullektüre? Wie gefiel es euch?

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