Monatliches Archiv:

November 2017

Gerry Hadden

Alles wird unsichtbar

New Yorker Bronx. 1970er Jahre. In dieser Zeit beginnt das Geschehen des Romans Alles wird unsichtbar von Gerry Hadden. Milano ist der Adoptivsohn afro-kubanischer Eltern. Es geht um einen folgenschweren Unfall, das Abrutschen in die Kriminalität, die Suche nach den eigenen Wurzeln und eine letzte Chance, zurück ins Leben zu finden.

Darum gehts

Als einziger Weißer lebt Milano mit seinen Adoptiveltern in der Bronx. Er ist auch der einzige Junge in der Nachbarschaft, der spanisch spricht. Eigentlich ist Milano ein glückliches Kind. Er liebt seine musikalischen Eltern, die ihn adoptierten und genießt vor allem die bedingungslose Liebe seiner Mutter Miriam. Eines Tages allerdings geschieht ein fürchterlicher Unfall, bei welchem diese stirbt. Von dort an ist nichts mehr wie es war.

Milano wird ab dem Zeitpunkt von seinem Adoptivvater Hipolito geschnitten. Dieser gibt ihm die Schuld an dem Tod seiner geliebten Frau. Und obwohl er das Milano gegenüber nie äußert, lässt er es ihn täglich spüren. Völlig auf sich allein gestellt und auf elterlichen Liebesentzug, beginnt Milano krumme Dinge zu drehen. Immer dabei ist sein bester Freund. Obwohl beide des Öfteren erweicht werden, hören die kriminellen Machenschaften nicht auf. Im Gegenteil: der Kick, den Milano empfindet, wenn er etwas zerstört, lässt ihn weitermachen.

Irgendwann landet Milano in einem Jungendgefängnis. Man könnte meinen, das sei der Abstieg, das Ende. Aber genau hier fängt Milano an zu begreifen, dass es so nicht weitergehen kann. Dass das Leben mehr wert ist. Er verliebt sich zum ersten Mal, macht sich auf die Suche nach seiner leiblichen Mutter und seinem Onkel und der eigenen Identität. Er wünscht sich nichts sehnlicher als eine zweite Chance.

Spoilerfreie Rezension

Die ersten Kapitel haben mich wahrlich mitgerissen. Die Geschichte von Milano ist spannend und emotional geschrieben. Seine Adoptiveltern scheinen sich wunderbar um ihn zu kümmern. Besonders Miriam kümmert sich aufopferungsvoll um den kleinen Jungen. Nach dem Unfall, bei dem diese stirbt, ist es erschreckend, fast grausam zu lesen, wie stiefmütterlich Milano fortan von seinem Adoptivvater behandelt wird. Schließlich ist er noch ein Kind.

Dass Milano auf die schiefe Bahn gerät, hat mich nicht allzu sehr verwundert. Ohne Liebe, ohne Halt und ohne jede Form von Erziehung und Regeln, lebt er quasi in den Tag hinein. Ganz auf sich allein gestellt. Die Trauer über den Tod von Miriam sitzt tief. Diese schlägt alsbald in Wut um und irgendwann gerät Milano tief in den Strudel der Kriminalität. Bis hierhin liest sich alles flüssig und nachvollziehbar.

Zitat aus dem Buch

„Entweder erwachsen werden oder einen Weg finden, um zu sterben.“

Fazit

Ab Mitte des Buches enttäuscht es mich immer mehr. Die Geschichte wirkt nicht mehr authentisch und oft wirr und die Charaktere sagen mir nicht mehr zu. Vieles wird nur kurz angeschnitten, später jedoch nochmals thematisiert, ohne dass ich den Sinn dahinter nachvollziehen kann. Obwohl die Idee und der Schreibstil sehr ansprechend auf mich wirkten, hat mich das Buch ab der Hälfte nicht mehr fangen können. Das Ende ist noch einmal sehr versöhnlich. Es ist nicht absehbar, was geschieht und es bietet viel Emotionen. Leider kam dieser positive Abschluss aber zu spät.

Rund ums Buch

Alles wird unsichtbar • Gerry Hadden • Piper • Originaltitel: Home, In Pieces • Übersetzer: Stefanie Jacobs, Simone Jakob • 2017 • 352 Seiten • Hardcover • ISBN: 978-3-492-05880-3 • Preis: €20.00 • Buch kaufen


Mein Dank für das Rezensionsexemplar geht an den Piper-Verlag.
Ein aufrüttelndes, emotionales Buch mit schwachem Hauptteil. Kennt ihr „Alles wird unsichtbar“?

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Nell Leyshon

Die Farbe von Milch

Das Jahr achtzehnhundertunddreißig. Es geht um die Unterdrückung der Rechte von Frauen. Um Klassenunterschiede zwischen Armen und Reichen. Die Farbe von Milch hat mich so nachhaltig berührt, dass ich auch Tage nach dem Lesen noch immer in der Geschichte gefangen bin.

Darum gehts

Mary ist der Hauptcharakter des Romans von der Autorin Nell Leyshon, welcher im 19. Jahrhundert spielt. Sie ist fünfzehn Jahre alt und schreibt das Buch eigenhändig. Ihre Haare haben die Farbe von Milch. Mary lebt mit ihren Eltern, ihrem Großvater und ihren drei Schwestern Hope, Violet und Beatrice auf einem Bauernhof und ist es gewöhnt, früh aufzustehen und den Tag über, bis spät in die Nacht hart zu arbeiten. Sie muss Kühe melken, Essen zubereiten und auf dem Feld arbeiten.

Ihr Vater ist streng und lässt sie immer wieder spüren, dass sie und ihre Schwestern ihm nicht gut genug sind. Viel lieber hätte er anstatt seiner vier Töchter einen Sohn gehabt, der mit anpacken kann. Mary´s Mutter schaut nur zu, wenn der Vater die Mädchen schlägt und erniedrigt. Mary ist die einzige in der Familie, die sich um den schwachen Großvater kümmert. Mit ihm kann sie lachen.  Trotz der schwierigen Verhältnisse ist Mary ein aufgewecktes, fröhliches und kluges Kind.

Eines Tages muss sie aufgrund eines Abkommens zwischen ihrem Vater und dem Pfarrer in deren Pfarrhaus ziehen um dort zu arbeiten. Sie soll die kranke Frau des Pfarrers pflegen und im Haus mithelfen. Für ihre verrichteten Arbeiten soll ihre Familie finanziell entlohnt werden. Nachdem die Frau des Pfarrers stirbt, mit welcher sich Mary sehr gut versteht und durch welche sie zum ersten Mal in ihrem Leben Wohlwollen erfährt und zudem auch noch die Haushälterin Edna entlassen wird, ist sie plötzlich mit dem Pfarrer allein.

Spoilerfreie Rezension & Fazit

Normalerweise sind historische Romane nicht mein Metier. Zumindest glaubte ich das bisher. Aber Die Farbe von Milch hat mich gelehrt, dass ich sehr wohl etwas mit diesem Genre anzufangen weiß. Nell Leyshon schreibt eindringlich, wahnsinnig emotional und aufwühlend. Ihre Sprache ist poetisch und klug. Ich mochte das Buch schon am ersten Tag nicht mehr aus der Hand legen und hatte es deshalb schon nach anderthalb Tagen durch.

Leyshon schildert die Geschichte von Mary sehr heftig und detailreich. Ich konnte mir den Bauernhof, das Pfarrhaus und die Natur vor meinem inneren Auge bildlich vorstellen. Die Charaktere werden klar und verständlich für den Leser gezeichnet. Mary gehört schon jetzt zu meinen liebsten Charakteren in Büchern. Und ich habe schon einige gelesen. Das Ende hat mich betrübt und gleichzeitig hat es mir die unglaubliche Stärke von Mary noch einmal nahe gebracht. Dass ich nach dem Zuklappen des Buches schluchzend zurückbleibe ist selten.

Zitate aus dem  Buch

„Es gibt nicht viel worüber ich mir den Kopf zerbreche. Wenn ich was nicht ändern kann, dann zerbrech´ ich mir auch nicht den Kopf. Wenn ich was tun kann, dann bringe ich die Dinge in Ordnung und dann hab ich keinen Grund mehr mir den Kopf zu zerbrechen.“

„Und nun werde ich den allerletzten Satz zu Ende schreiben und mit dem Löschblatt die Feuchtigkeit aufsaugen, wo sich die Tinte am Ende der Buchstaben in kleinen Pfützen gesammelt hat.“

Rund ums Buch

Die Farbe von Milch • Nell Leyshon • Eisele • Originaltitel: The color of milk • Übersetzerin: Wibke Kuhn • 2017 • 208 Seiten • Hardcover • ISBN: 978-3-96161-000-6 • Preis: €18.00 • Buch kaufen


Mein großer Dank für das Rezensionsexemplar geht an den Eisele-Verlag, Ullstein und Politycki und Partner. 
Solltet ihr „Die Farbe von Milch“, noch nicht gelesen haben, tut es!

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Leïla Slimani

Dann schlaf auch du

Ich hatte selten so hohe Erwartungen an ein Buch, wie an dieses. Dann schlaf auch du von Leïla Slimani hat so viele Buchpreise abgesahnt, dass es nicht verwunderlich scheint, dass man sich vor dem Lesen besonders viel von dem verspricht, was einen wohl erwarten würde. Ich hatte im letzten Beitrag schon angekündigt, dass der Roman zu meinen Neuheiten im Bücherregal gehört und dass ich es demnächst lesen möchte. Nun ging es schneller als erwartet. Nicht mal einen Tag hat es gebraucht, das Buch zu verschlingen.

Darum gehts

Sie haben Glück gehabt, denken sich Myriam und Paul, als sie Louise einstellen – eine Nanny wie aus dem Bilderbuch, die auf ihre beiden kleinen Kinder aufpasst, in der schönen Pariser Altbauwohnung im 10. Arrondissement. Wie mit unsichtbaren Fäden hält Louise die Familie zusammen, ebenso unbemerkt wie mächtig. In wenigen Wochen schon ist sie unentbehrlich geworden. Myriam und Paul ahnen nichts von den Abgründen und von der Verletzlichkeit der Frau, der sie das Kostbarste anvertrauen, das sie besitzen. Von der tiefen Einsamkeit, in der sich die fünfzigjährige Frau zu verlieren droht. Bis eines Tages die Tragödie über die kleine Familie hereinbricht. Ebenso unaufhaltsam wie schrecklich.

Spoilerfreie Rezension

Der Schreibstil hat mich enttäuscht. Das muss ich ganz klar sagen. Ich hatte mir sehr viel mehr Faszination und persönliche Finesse versprochen. Aber da lag ich leider falsch. Möglicherweise liegt es aber an der Übersetzung. Damit ich nicht falsch verstanden werde: der Schreibstil ist keinesfalls unangenehm oder langweilig, nein. Er liest sich flüssig und leicht. Aber es fehlt eben das gewisse Etwas. Catherine Lacey hat mich zum Beispiel diesbezüglich zuletzt sehr gefesselt. Das war hier nicht der Fall.

Die Idee hinter der Geschichte hat mich sofort neugierig gemacht. Ich habe Dann schlaf auch du nicht gelesen, weil es gerade so gehyped wird. Viel mehr finde ich die Storyline einfach genial. Eine Mischung aus Thriller und Roman. Es geht um eine französische Familie. Mutter, Vater und zwei kleine Kinder, welche in Paris leben. Myriam und Paul engagieren ein Kindermädchen für ihre Tochter Mila und ihren Sohn Adam. Die Nanny, Louise, scheint perfekt für die Familie zu sein. Schnell wird klar: zu perfekt. Hinter der Fassade bröckelt es gewaltig.

Das Buch erzählt am Anfang vom Ende. Das gefällt nicht jedem. Dafür muss man gemacht sein. Ich finde diese moderne Art der Erzählung nicht immer ansprechend, in diesem Fall aber hat sie mich voll und ganz beeindruckt. Im ersten Kapitel wird geschildert, was am Ende passiert. So erfährt man natürlich, wie alles endet, gleichzeitig ist man gespannt auf die menschlichen Abgründe des Kindermädchens und wie es dazu kam. Von der Autorin, aus meiner Sicht, wirklich gut umgesetzt.

Die Charaktere gefielen mir größtenteils sehr gut. Sie wirkten durchweg authentisch und die Handlungen waren meist nachvollziehbar.  An manchen Stellen sagte mir die Übersetzung nicht so recht zu. Aber das ist sicherlich auch nicht so einfach und gibt daher keinen Punktabzug.

Zitate aus dem Buch

„Sie ist so perfekt, so rücksichtsvoll, dass es mich manchmal anwidert.“

„Das Schicksal ist verschlagen, wie ein Reptil, es sorgt immer dafür, dass wir auf der falschen Seite landen.“

Fazit

Ein wirklich spannender Roman mit einem guten Ende, den aber wirklich nur die lesen sollten, die etwas mehr verkraften können.

Rund ums Buch

Dann schlaf auch du • Leïla Slimani • Luchterhand • Übersetzerin: Amelie Thoma • Originaltitel: Chanson Douce • 2017 • 224 Seiten • Hardcover • ISBN: 978-3-630-87554-5 • Preis: €20.00 • Buch kaufen


Ein großer Dank für das Rezensionsexemplar geht an den Luchterhand-Verlag.
Ist der Hype um „Dann schlaf auch du“ aus eurer Sicht berechtigt?

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